Rohstoffgewinnung in Nord- und Ostsee

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine neue Methode entwickelt, die Meere zu nutzen. Traditionell wird das schon seit Menschengedenken von der Schifffahrt und der Fischerei getan, längst überzieht ein Netz von Strom- und Kommunikationskabeln den Meeresgrund, seit langem werden auch Gas und Öl gefördert und an Land transportiert. Jetzt werden auch noch Sand und Kies in großem Maß vom Nord- und Ostseeboden abgesaugt und weggeschafft – mit voraussichtlich dramatischen Konsequenzen für die Flora und Fauna der Gewässer.
Es ist ein für die Bauindustrie besonders lukrativer Rohstoff, der vor allem im deutschen Sektor der Nordsee lagert: Von 1985 bis 2003 wurden etwa 21 Millionen Kubikmeter abgebaut. Im vergangenen Jahr wurden laut Bergamt Clausthal-Zellerfeld etwa zwei Millionen Kubikmeter Sand und Kies – das sind 1,1 Millionen Tonnen – allein aus der Nordsee geholt.

Leichentuch für Flora und Fauna

Dabei wird der Meeresboden von einem Saugbagger auf drei Meter Breite und bis drei Meter Tiefe abgesaugt. Alles Leben stirbt ab. Das Material wird auf dem Schiff gesiebt, und die feinkörnigen Bestandteile werden ins Meer gekippt. Hierdurch zieht das Schiff eine mehrere hundert Meter breite und kilometerlange Sedimentfahne hinter sich her, deren Niederschlag wie ein Leichentuch weite Meeresgebiete samt der Tier- und Pflanzenwelt bedeckt. Der umgepflügte Meeresgrund und die selteneren Stein- und Kiessandhabitate benötigen Jahrzehnte, um wieder zu regenerieren. Können sich so Industrie und Naturschutz vertragen?

Erst kürzlich wurden weitere größere Kiesabbaugebiete in der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) bewilligt oder sind derzeit in der Bewilligungsphase:

1. Das Nordsee-Feld “Weiße Bank” (OAMII) wurde Ende 2002 genehmigt und hat eine Laufzeit von 30 Jahren. Nach den ersten Förderungen im Jahr 2003 wird dieses Jahr der Kiesabbau auf ein bis zwei Kubikmeter anschnellen.

2. Für das Feld „OAM III” läuft derzeit das Genehmigungsverfahren. Die Firma OAM-DEME Mineralien GmbH, Großhansdorf, hat beim Landesbergamt Clausthal-Zellerfeld einen Antrag auf die Gewinnung von Sand und Kies bis zum Jahre 2051 gestellt. Das Feld liegt etwa 40 Kilometer westlich von Sylt. Die geplante Jahresförderung beträgt eine Million Kubikmeter, die Gewässersohle wird rund zwei Meter tief abgebaut. Der gewonnene Kies und Kiessand werden nach Hamburg verschifft. Bei den Anhörungen wurden Naturschutzverbände wie NABU und DNR nicht zugelassen.

3. Für das Feld „BSK1″ (BSK Baustoffe und Seekies GmbH, Hamburg) mit 140 Quadratkilometer Ausdehnung fand am 26. Februar 2004 der erste Anhörungstermin im Kieler Wirtschaftsministerium statt. Bis drei Millionen Tonnen Kies sollen dort pro Jahr gewonnen werden, die Ladung entspricht einem jährlichen Güterzug von Hamburg bis München.

4. Das Feld “Adlerbank” in der Ostsee darf ebenfalls von der Firma OAM-DEME Mineralien GmbH bis zum Jahr 2030 genutzt werden. Die Betreiber betonen, dass für den Bau der geplanten Windparke in der Ostsee die Sand- und Kiesrohstoffe aus dem Meer gebraucht würden. Merkwürdig: Gleichzeitig leiden die reichlichen Kies- und Sandlager an Land unter Auftragsarmut.

Schützenswerte Regionen bedroht

Die vier Kiesabbaufelder liegen in den Meeresgebieten, die der EU als Teil des deutschen Beitrags zum „NATURA 2000″-Projekt in Nord- und Ostsee vorgeschlagen werden sollen. Wie die anderen EU-Länder auch hatte sich Deutschland im Rahmen der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) bereits 1992 verpflichtet, besonders wichtige Regionen unter Schutz zu stellen. Betroffen sind das Schutzgebiet „Sylter Außenriff” sowie das Vogelschutzgebiet „Östliche Deutsche Bucht” in der Nordsee und das Schutzgebiet „Adlergrund” in der Ostsee.

Diese Schutzgebiete zählen aus Sicht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) im europäischen Maßstab zu den besonders schützenswerten Regionen. Das „Sylter Außenriff” ist nach Angaben des BfN das Gebiet mit der höchsten Schweinswal-Dichte in deutschen Gewässern und gilt als Kerngebiet für die seltenen Meeressäuger. Hier leben im Winter viele Mutter-Kalb-Paare, im Mai und Juni schwimmen dort viele Kälber. Das BfN befürchtet angesichts der Abbaupläne erhebliche Beeinträchtigung für die schützenswerten Gebiete.

„Die Kiesbänke und Steinfelder sind nicht nur einmalige Ökosysteme, sondern auch wichtige Laichgründe für einige Fischarten. Auch der Bestand des Sandaals, der insbesondere den Schweinswalen und tauchenden Seevögeln als bedeutende Nahrungsgrundlage dient, könnte durch den Abbau zurückgehen”, fürchtet Dr. Onno Groß von Deepwave.

Quellen:

Bundesamtes für Naturschutz zum „Natura 2000″-Projekt: http://www.habitatmarenatura2000.de/ Information und Stellungsnahme von DEEPWAVE e.V. http://www.deepwave.org/html/presse/index_press_aktuell.html Information Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger (GSM) http://www.gsm-ev.de/

Dr. Onno Groß

DEEPWAVE e.V.

Die Inititative zum Schutz der Hoch- und Tiefsee Hegestr. 46 D 20251 Hamburg http://www.deepwave.org

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