PRESSEMITTEILUNG – EU-Konferenz zur Meerespolitik in Bremen – EU-Fischereipolitik führt zur Ausrottung der Meeressäuger Umweltverbände fordern von EU-Ratspräsidentin Merkel wirksame Maßnahmen zum Schutz von Walen und Delfinen

PRESSEMITTEILUNG

EU-Konferenz zur Meerespolitik in Bremen – EU-Fischereipolitik führt zur Ausrottung der Meeressäuger Umweltverbände fordern von EU-Ratspräsidentin Merkel wirksame Maßnahmen zum Schutz von Walen und Delfinen

26.04.2007 NABU/GRD/GSM – Drei deutsche Umweltverbände beschuldigen die EU, an der Ausrottung von Walen und Delfinen in europäischen Gewässern mitzuwirken. In einem Offenen Brief fordern der Naurschutzbund Deutschland (NABU), die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) und die Gesellschaft zur Rettung der Delfine (GRD) Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, sich als gegenwärtige EU-Ratspräsidentin wirksam für das Überleben der letzten Meeressäuger einzusetzen.

Anlass ist die vom 2. bis 4. Mai in Bremen stattfindende Konferenz über die künftige Meerespolitik der EU. Daran teilnehmen werden außer der deutschen Bundeskanzlerin der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der Fischereikommissar Joe Borg, weitere hochrangige Vertreter der EU und anderer internationaler Organisationen. Die Umweltverbände befürchten, dass bei der Bremer Konferenz “wie immer hehre Ziele” formuliert werden, die dann aber wieder von der praktischen Fischereipolitik unterlaufen würden und schon jetzt zu dramatischer Überfischung fast aller Bestände und zum Aussterben der Meeressäugetiere führten.

“Dieses Who-is-Who-Treffen in Sachen Nutzung und Schutz der Meeresressourcen darf sich nicht wieder in der Ausarbeitung wohlklingender aber folgenloser Visionen erschöpfen”, sagt der NABU-Präsident Olaf Tschimpke. “Den bislang von der EU produzierten Papierbergen müssen endlich entsprechende Handlungen und Taten folgen. Sonst gibt es bald keine Meeresressourcen mehr, die man – wie auch immer – noch nutzen könnte”, warnen die drei Verbände.

Kontakte:

Meeresbiologe Sven Koschinski: 04526 – 381716

Petra Deimer, GSM: 04106 – 4712

Ingo Ludwichowski, NABU, Tel. 0160-96230512

Offener Brief an EU-Ratspräsidentin Dr. Angela Merkel

pmmerk8

pmmerk9

pmmerk9

Naturschutzbund NABU – Gesellschaft zur Rettung der Delphine

Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere

Offener Brief an EU-Ratspräsidentin Frau Dr. Angela Merkel

Sehr geehrte Frau EU-Ratspräsidentin Dr. Angela Merkel,

der Naturschutzbund Deutschland (NABU), die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) und die Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) bitten Sie heute eindringlich, sich im Zuge der in wenigen Tagen beginnenden Konferenz zur künftigen Meerespolitik der EU (2. bis 4. Mai in Bremen) beim Präsidenten der EU-Kommission und den teilnehmenden EU-Kommissaren nachhaltig für einen besseren Schutz der letzen Wale und Delfine, die in europäischen Gewässern dem anthropogenen Nutzungsdruck standgehalten haben, einzusetzen.

Die Formulierung neuer Ziele zum Schutz der Meeresumwelt und der nachhaltigen Nutzung der Meere sind Ziele der Konferenz. Für den langfristigen Erhalt der marinen Biodiversität haben diese Ziele, besonders im Kontext der zusätzlichen, durch die Klimaveränderung verursachten Belastungen für das Leben in den Meeren, eine übergeordnete Bedeutung.

Bedauerlicherweise steht die derzeitige gemeinsame Fischereipolitik der EU diesen Zielen diametral entgegen. Das Überleben der letzten Wale und Delfine in den Gewässern der EU ist massiv insbesondere durch folgende EU Fischereiverordnungen bedroht:

1.    Zulassung von Schwebenetzen durch die EU-Verordnung 1967/2006 und Verdoppelung der zulässigen Fläche an Stellnetzen im Mittelmeer: Schwebenetze haben ähnliche Eigenschaften wie die 2002 von der EU wegen extrem hoher Beifangraten (Meeressäugetiere, Meeresschildkröten, Haie und Seevögel) verbotenen Treibnetze. Es ist zu erwarten, dass Schwebenetze zu vergleichbaren Beifangraten führen und die Restpopulationen der Mittelmeer-Delfine dadurch weiter an den Rand des Aussterbens gedrängt werden.

2.     Ausnahmen bei der Verwendung von akustischen Vergrämungsgeräten (Pinger) für Fischkutter unter 12m gemäß Verordnung 812/2004 führen dazu, dass in der Ostsee lediglich unter 2% der Fischer diese Geräte verwenden müssen. Es besteht die Gefahr, dass Fischer, die Pinger einsetzen, die vom Aussterben bedrohten heimischen Ostseeschweinswale in die Netze der vielen von der Regel befreiten Fischer treiben.

3.    Die Befreiung der Pinger verwendenden Fischer vom Beobachterprogramm laut Verordnung 812/2004 führt dazu, dass die Effektivität des Einsatzes von Pingern nicht kontrolliert wird. Eine Gewöhnung der intelligenten Meeressäuger an die Vergrämungsgeräusche der Pinger kann den Schweinswalbeifang sogar noch erhöhen, ohne dass dies erkannt wird.

4.    Die Verordnung 1967/2005 ist trotz ihres Namens (Verordnung des Europarates zu Managementmaßnahmen für eine nachhaltige Nutzung der Fischressourcen im Mittelmeer) nicht geeignet die Überfischung im Mittelmeer wirkungsvoll zu bekämpfen. Das Gegenteil ist der Fall: die Verdoppelung der Netzfläche an Grundstellnetzen und die Neudefinierung der Schwebenetze (siehe oben) führt dazu, dass Thunfisch und Schwertfisch an den ohnehin zu hohen Quoten vorbei illegal gefischt und vermarktet werden.

5.    Zusätzlich führt die mangelnde Verfolgung der illegalen Treibnetzfischerei durch die Behörden der EU und ihrer Mitgliedsstaaten dazu, dass immer noch 10.000 km dieser todbringenden Netze das Mittelmeer leer fischen.

Ein für die Meeresfauna de facto wirksamer Schutz von Meeresschutzgebieten vor der Fischerei muss umgehend durch entsprechende Regelungen (z.B. kategorische Fischereiverbote, Ausweitung von Schonzeiten, Senkung der Fangquoten für bestimmte Fischarten) und deren konsequenter Überwachung in der gemeinsamen Fischereipolitik der EU umgesetzt werden.

Auch regionale Beschränkungen der Fischerei (z.B. die Höhenbeschränkung von Grundstellnetzen im schleswig-holsteinischen Walschutzgebiet) müssen für alle Fischer der EU gelten und nicht nur für die Fischer der entsprechenden Region.

Bloße Lippenbekenntnisse zur nachhaltigen Nutzung der Meere reichen nicht aus, diese als Lebensräume und dauerhaft nutzbare Ressourcen zu erhalten. Wenn nicht umgehend die Beifänge von Meeressäugetieren drastisch reduziert werden, drohen ganze Populationen in Bälde auszusterben, mit den entsprechenden Folgen für das gesamte Ökosystem.

Die Walschutzabkommen ASCOBANS und ACCOBAMS setzen den rechtlichen Rahmen für den Schutz von Schweinswalen in Nord und Ostsee sowie Walen und Delfinen im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Die vorliegenden Schutz-, Rettungs- und Managementpläne müssen dringend ratifiziert und umgesetzt werden.

Meeresschutz findet bislang in der Hauptsache auf dem Papier, in teuren Konferenzen und Workshops statt. EU-rechtlich verankerte, zum Schutz von Schweinswalen dringend erforderliche strikte Vorgaben nicht nur in ausgewiesenen FFH-Gebieten werden in der Genehmigungspraxis häufig unterlaufen und gefährden auch in der Bundesrepublik die Art u.a. in ihren Auzuchtsgebieten. Der Ruf nach immer neuen Konferenzen und Forschungsergebnissen ist ein beliebtes Mittel, dringend notwendige Sofortmaßnahmen bis zum „Sankt-Nimmerleins-Tag” zu verschieben.

Wir bitten Sie daher eindringlich, sich mit Nachdruck dafür einzusetzen, dass die Konferenz über künftige Meerespolitik der EU tatsächliche und für das Überleben der letzten Wale und Delfine wirkungsvolle Ziele formuliert und die Weichen für ein wirksames Handeln stellt, statt sich in der Ausarbeitung wohl klingender aber folgenloser Visionen zu erschöpfen.

Für Ihre Aufmerksamkeit vielmals dankend, verbleiben wir

hochachtungsvoll

Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.

Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e.V.

Olaf Tschimpke
NABU-Präsident


Ulrich Karlowski
Diplom-Biologe


Petra Deimer
Diplom-Biologin