Wer rettet die Wale?
Obwohl die 88 Mitgliedsländer der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) vom 21. – 25. Juni im marokkanischen Agadir über die Zukunft der IWC entscheiden wollen, sind Japans Walfangschiffe bereits ausgelaufen, um im nördlichen Pazifik 220 Zwergwale, 100 Seiwale und 50 Brydeswale abzuschießen. Das sieht nicht nach Konsens bzw. Kompromiss aus, sondern nach Provokation. Japans Walfang im Namen der Wissenschaft – trotz des durch die IWC verhängten Moratoriums – scheint nur zu gut etabliert zu sein. Dazu passt auch, dass man öffentlich verlauten ließ, ein neues Walfang-Fabrikschiff auf Kiel legen zu wollen.
Während des vergangenen Jahres haben sich IWC-Arbeitsgruppen immer wieder damit befasst, den eskalierenden Walfang wenigstens wieder unter die Kontrolle der IWC zu bekommen. Doch davon scheint die Kommission – seit nunmehr 25 Jahren – noch immer weit entfernt zu sein. Anstatt dem eigenen IWC-Wissenschafts-Komitee den Auftrag zur Berechnung verantwortbarer Fangquoten zu erteilen, wurde politisch verhandelt. Die Gründe liegen auf der Hand: Wo (offiziell) kein Walfang ist, darf/soll es auch keine Fangquote geben.
Das Dilemma für die Wale dabei ist: Würde der Wissenschaftsausschuss vom „Revised Management Procedure“ (RMP; Revidiertem Management Verfahren) Gebrauch machen, würden von den meisten Arten und Populationen weniger Wale zum Abschuss freigegeben werden, als politisch taktiert. Hinzu kommt, dass eine Quote nach RMP-Regeln für höchstens fünf Jahre berechnet wird und danach ausläuft, es sei denn, es wird unter Berücksichtigung neuer Daten eine neue Quote ermittelt. Auch dann stünde nach fünf Jahren im Rahmen der „phaseout-Regel“ wieder die Null-Quote bevor, wenn keine neuen Daten vorliegen. Die Festlegung von Quoten auf 10 Jahre, wie es einige IWC-Länder wollen, würde diese Regel unterwandern.
Der Populationsdynamiker Dr. Justin Cooke kann z.B. hochrechnen, dass unter Berücksichtigung von RMP für den Finnwal in der Antarktis nur eine Quote von Null in Frage käme. Kein Wunder also, dass Japan gar kein Interesse daran hat, mit der Wissenschaft voran zu kommen. Solange keine Quoten berechnet werden, bleiben die Fangländer bei den selbst Ernannten. So gönnt sich Japan seit einigen Jahren für den Zwergwal in der Antarktis – noch dazu in einem Schutzgebiet – eine Quote von 935 Tieren und hat durchgesetzt, dass der Wissenschaftsausschuss frühestens 2015 damit anfängt, ein RMP für diesen Bestand zu berechnen. Allerdings gelang es den Walfängern in der Saison 2008/09 nur 551 Minkies zu erlegen. Sie behaupten, sie hätten mehr fangen können, wenn nicht die Umweltschützer mit gefährlichen Manövern ihren Fangbetrieb gestört hätten.
Obwohl der Wissenschaftsausschuss schon im kommenden Jahr für den Seiwal im Nordpazifik eine RMP-Quote berechnen könnte, will Japan den Prozess möglichst lange hinausziehen und hat wiederum das Jahr 2015 für erste Berechnungen vorgeschlagen. Man hat sich letztendlich auf 2013 geeinigt.
Immerhin summiert sich die offizielle Fangquote seit In-Kraft-Treten des Moratoriums auf rund 35 000 kommerziell genutzte Großwale. Dazu kommen etwa 8 000 Wale, die im Rahmen des indigenen Walfangs von Russland, Alaska und Grönland getötet wurden – zusammen also über 40 000 Großwale. Und dazu kommen noch einmal Tausende von Walen, die anderen anthropogenen Todesursachen zum Opfer fallen. Sie sterben als Beifang in Netzen der Fischerei, als Unfallopfer durch die Schifffahrt und durch chemische oder akustische Umweltverschmutzung… Sie werden nicht einmal richtig mitgerechnet. Auch daran würde eine Berechnung nach RMP deutlich etwas ändern.
Das zumindest für Laien überaus komplizierte revidierte Management Verfahren reagiert sehr sensibel auf Veränderungen in der Bestandsgröße – unabhängig davon, warum Wale gestorben sind. So würde es für Zwergwale im Nordpazifik – nach Abzug der recht hohen Beifänge – wohl kaum mehr eine Fangquote geben dürfen. Kein Wunder also, dass z.B. Japan kein Interesse daran hat, dass man sich in der IWC darüber einigt, Fangquoten nach RMP zu berechnen. Traurig daran ist, dass sich die Walschutz-Politik aus politisch-moralischen Gründen ein RMP nicht leisten kann oder will. Dabei ist ein gutes RMP für die Wale allemal besser als ein schlechtes Moratorium.
Petra Deimer-Schütte, 21.06.2010


